[Interview] Dorothea Flechsig – Kinderbücher für Naturforscher

Der Glückschuhverlag ist vor allem für seine Werte und Geschichten bekannt, die sich an junge Naturforscher richten und dabei Fakten sowie Wissenswertes vermitteln. Dorethea Flechsig, ihres Zeichens Chefin des unabhängigen und mehrfach ausgezeichneten Verlages, gewährte mir einen Blick hinter die Kulissen und macht klar, dass ein Buch mehr ist als nur ein Buch.

Die Autorin Dorothea Flechsig an ihrem Schreibtisch

Hallo Dorothea! Schön, dass du heute Zeit hast. Du bist Chefin des Verlages Glückschuh. Was macht deine Bücher so einzigartig? Wofür stehst du?

Ich schreibe Geschichten, die sich liebevoll, nachdenklich und spannend mit Gesellschaft, Tier- und Umwelt auseinandersetzen. Meine Figuren, Fledermaus Sandor, Petronella Glückschuh oder Aurelia wecken Lust auf Abenteuer.

Ich möchte den Forschergeist von meinen jungen Lesern wecken und auf die Natur neugierig machen. In allen meinen Geschichten spielen Tiere und die Natur eine bedeutende Rolle. Gerade in Zeiten, in denen Kinder und Jugendliche immer mehr an moderner Technik interessiert sind und oft viel Zeit am Computer verbringen, sind meiner Meinung nach Lesestoffe, die den Schutz von Tier- und Umwelt fördern, besonders wichtig.

Im neuen fantastischen Roman „Das unsterbliche Nashorn“ symbolisiert der Dickhäuter Stärke, Ausdauer, Langlebigkeit. Ori, das kleine Nashorn, ist in der Geschichte ein beständiger Seelentröster für die jungen Romanfiguren, die Verluste und den Tod von geliebten Menschen erlebt haben.

Beim Blick ins Verlagsprogramm fällt auf, dass alle Bücher von dir stammen. Gibt es dafür einen Grund? Dürfen Leser in Zukunft auch auf Fremdautoren hoffen?

Vom Glückschuh Verlag werden Bücher erwartet, die ich geschrieben habe. Ich konnte mir in den vergangenen Jahren einen festen Kundenstamm aufbauen und es kommen immer neue Leser hinzu. In vielen meiner Bücher sind hinten kindgerechte Sachtexte zum Thema von Experten. Bei Sandor z. B. über Fledermäuse, Transsilvanien oder Umweltgifte. Alle unsere Lern- und Begleithefte für Lehrer und Schüler wurden von anderen Autoren und Autorinnen verfasst. Sie haben eine pädagogische Ausbildung und kennen sich mit dem Lernverhalten ihrer Schüler aus.

Du arbeitest mit verschiedenen Illustratorinnen und Fotografinnen zusammen. Entscheidest du das bei jedem Buch neu oder hast du deine festen Leute?

Für jedes Buch entscheide ich neu, welche oder welcher Illustrator am besten zu einem Projekt passt. Ich bin dabei immer wieder auf der Suche nach neuen Illustrator*innen, arbeite aber auch gerne mit zuverlässigen Partnern zusammen.

Illustration aus Sandor von Katrin Inzinger

Du achtest bei deinen Büchern auf ausgezeichnete Wertigkeit. Was kann ich mir darunter vorstellen?

Die meisten unserer Bücher werden in Deutschland gedruckt, alle auf FSC-Papier aus nachhaltiger Waldwirtschaft. Wir geben uns bei der Gestaltung und der Ausstattung, z.B. mit Lesebändchen, große Mühe. Unsere Hörbücher haben alle einen eigenen Titelsong und werden von tollen Schauspielern gelesen. Uns ist es wichtig, dass Kinder lange Freude am Buch oder Hörbuch haben.

Vor Kurzem erschien „Das unsterbliche Nashorn“ als Hardcover. Wie kamst du auf die Idee und um was geht es im Buch?

Im Buch geht es um Leben und Tod, tiefe Freundschaft und die erste Liebe. Ich wollte eine Geschichte über ein Kind schreiben, das nicht viel über seine Herkunft weiß. Was ist mit Kindern, die nicht die Liebe im Elternhaus erhalten, die sie sich wünschen? Vielleicht weil die Eltern überfordert, krank oder unsicher im Leben sind oder das Gefühl haben, ihr Kind würde es bei einer anderen Familie besser haben.

Mich hatte die Frage beschäftigt, wie stark uns unsere Herkunft und unsere Eltern prägen. Von einem wichtigen Ort im Buch habe ich geträumt, ein alleinstehendes Forsthaus. Hier trifft die Hauptfigur Florin auf seine neue Familie und Freunde. Das Gebäude, umgeben von schöner Natur, stand in meinem Traum für einen Neuanfang.

Die Zahl an Pflege- und Adoptivkindern hat in den vergangenen Jahren in Deutschland stark zugenommen. Es gibt viele Kinder, die nicht bei ihren leiblichen Eltern aufwachsen. Besonders für diese Kinder sind lang anhaltende Freundschaften von großer Bedeutung. Ich wollte den Themen Tod, Abschied und Identifikation die Schwere nehmen. Der Tod gehört zum Leben und im Abschied beginnt auch ein Neuanfang.

Zum Inhalt: Der Findeljunge Florin wächst bei einer älteren Dame auf, die sich liebevoll um ihn kümmert. Als auch die ältere Dame stirbt, steht er alleine da. Er schlägt sich anfangs allein durch die Großstadt. Kommt dann aber zu einer Pflegefamilie aufs Land. Hier darf er zur Schule gehen und knüpft Freundschaften. In einer besonderen Sternennacht passiert etwas Unerklärliches. Ein Meteor fällt ganz nah vor den Kindern auf die Erde hinab und ein Wunder geschieht.

Cover Das unsterbliche Nashorn von Dorothea Flechsig

Die Bücher des Verlages sind mittlerweile mehrsprachig in über 20 Ländern erschienen. Entscheidest du selbst wo und wann oder wirst du gefragt? Wie läuft sowas ab?

Das ist unterschiedlich. Ich wurde auf der Buchmesse in Frankfurt von einem Verlag aus Kolumbien angesprochen. Inzwischen sind dort sieben Bücher von mir ins Spanische übersetzt. Ich habe auch Literaturagenten, die meine Bücher anderen Verlagen im Ausland zeigen. Das Bilderbuch „Pünktchen, das Küken“ ist so nach China gekommen. Wir haben aber auch persönlich andere Verlage angesprochen, zum Beispiel auf der Kinderbuchmesse in Bologna. Petronella Glückschuh ist so in Estland erschienen, inzwischen auch Sandor.

Bekannt bist du vor allem für deine Geschichten über die sprechende Fledermaus Sandor. Im Gegensatz zu anderen Verlagsprojekten gibt es Sandor als Hörbuch. Bewusste Entscheidung oder eher Zufall?

Alle meine Bücher für Leseanfänger und fortgeschrittene Leser gibt es auch als Hörbuch, E-Book und fast alle auch als Taschenbuch, kostengünstig für Schulen. Kürzlich habe ich mein neues Buch „Das unsterbliche Nashorn“ im Studio als Hörbuch aufgenommen. Gelesen wird es von der Schauspielerin Anne Düe. Ich habe als Kind nicht nur gerne gelesen, sondern auch Schallplatten und Kassetten mit Geschichten angehört. Kinder lieben Geschichten und nehmen sie auch gern mit unterschiedlichen Sinnen wahr. Ob in Druckschrift oder über das Ohr. Viele meiner Hörbücher laufen immer wieder bei Radio Teddy im Programm. Wir haben seit Jahren eine gute Kooperation.

Du bist mit deinen Büchern unter anderem an Schulen unterwegs. Was bietest du deinen Zuhörern? Vorlesungen, Diskussionsrunden oder etwas ganz anderes?

Das spreche ich meist mit den Schulen vorher ab, wie es gewünscht ist. Manchmal lese ich vor und wir spielen danach ein Wissensspiel zum Beispiel über Fledermäuse. Auch über Tiere, die Petronella Glückschuh erforscht: Regenwürmer, Weinbergschnecken, Igel, Fische… Die Kinder stellen mir auch oft Fragen über meine Person oder über meine Arbeit. Meistens bringe ich auch Passendes und Spannendes mit, das die zuvor gehörte Geschichte lebendig werden lässt.

Ich hatte schon oft lebende Blutegel oder Weinbergschnecken dabei. Honigwaben und unterschiedliche Honigproben, ein Maulwurfsskelett oder eine mumifizierte Fledermaus im Glaskasten. Ich versuche die Lesung auch mit Bildern über den Beamer so lebendig wie möglich zu gestalten. Eine Lesung ist nicht nur das Vorlesen einer Geschichte, sondern das Kennenlernen. Kinder sind neugierig und sie wollen meist viel über mich und meine Arbeit erfahren.

Illustration aus Petronella Glücksschuh von Christian Puille

Apropos Schule, passend zu Petronella, Sandor und Ritter Kahlbutz gibt es Hefte mit diversen Lernangeboten und Lehrermaterialien. Was genau bedeutet das? Wird das Angebot gern genutzt?

Lehrer kopieren aus den Lernheften das passende Material und bestellen meist vorab einen Klassensatz Bücher. Die Kinder können so das Gelesene vertiefen, sich im Sprach- und Wortschatz üben. Bisher haben wir nur positive Rückmeldungen von Schulen erhalten. Die Lernhefte sind fächerübergreifend und bieten den Kindern unterschiedliche Übungen auch für zu Hause und das fröhliche Lernen im Homeoffice.

Aktuell ist die Welt eine andere und vieles schwieriger als sonst. Was bedeutet das für dich und deinen Verlag? Welche Tipps hast du für andere?

Die Zurückgezogenheit kann Autor*innen auch guttun. Ich bin viel weniger unterwegs und genieße die Ruhe und kreative Zeit. Ich komme mehr zu längeren Schreibphasen. So arbeite ich gerade wieder an einem neuen Buch. Ich versuche jeden Tag als Geschenk zu sehen, an dem ich eine Arbeit machen darf, die ich liebe. Allerdings habe ich auch große Lust, mal wieder mit vielen Kollegen das Leben und neue Bücher so richtig zu feiern. Es fehlen die Messen und das Gespräch, indem man sich in die Augen sieht und sich direkt gegenüber ist. Ich verbringe auch mehr Zeit mit der Vermarktung und Werbung online, da viele Möglichkeiten, Neuerscheinungen auf Messen und Märkten zu zeigen, nicht möglich sind.

Leider sind wir damit auch schon am Ende angelegt. Vielen Dank für deine Zeit und die zur Verfügung gestellten Bilder. Übrigens habe ich euch „Das unsterbliche Nashorn“ bereits vor einiger Zeit ausführlicher vorgestellt.

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