Leben im Zeichen der Depression

Eine junge Frau, mitten im Leben, mitten in der Ausbildung, von Freunden umgeben – plötzlich ist nichts mehr wie es war. Ein eigentlich ganz normaler Freitag wird zum alles entscheidenden Wendepunkt und Tränen zur Hauptnahrung.

So stand ich vor 10 Jahren da. Vor 10 Jahren änderte sich alles und die Wand bricht endgültig zusammen. Inzwischen sind 10 Jahre vergangen, ich sitze an meinem Schreibtisch und überlege wie ich euch mitteilen kann was ich sagen will. Es fällt mir nicht leicht, da es eine für mich sehr persönliche Zeitspanne betrifft.

Depression – die „Volkskrankheit“ schlechthin. Sie stand über allem und ließ mich zu einem seelischen Frack werden.

Ein kontrolliertes Alltagsleben / Leben allgemein?
Spaß an der Freude?
Eine flüssig laufende Ausbildung?

Nichts mehr davon konnte ich mein eigen nennen. Nichts funktionierte mehr so wie es soll.

Es kam Freitag, jener Freitag, der so viel änderte.
Es kam der große Knall, der alles explodieren ließ.
Der Besuch beim normalen Hausarzt mit Überweisung zur Psychiatrie.
Der Besuch der Psychiatrie mit Einweisungsbestätigung für die nächste Woche.
Der Montag mit Einzug in die Psychiatrie.

Aus heutiger Sicht das Beste, was mir zu diesem Zeitpunkt passieren konnte, damals das Schreckgespenst schlechthin. Ich in einer Psychiatrie? Jener Ort, von dem man bisher nur gehört hatte. Wo man glaubte, nur Verrückte kämen dahin. Jene Einrichtung, von der ich glaubte, nie dort zu landen. Gab es doch keinen Grund auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden.

Doch, nun war ich dort. Zusammen mit anderen kranken Seelen, die alle ihre eigenen Probleme hatten. Eingedeckt mit einem Therapieplan, diversen Gesprächen und Medikamenten. Medikamente, die ich zuvor nicht nehmen musste. Medikamente, die mir helfen sollten nachts schlafen zu können, um tagsüber fit zu sein. Medikamente, die meine Albträume bekämpfen sollten.

Schneller als gedacht, gewöhnte ich mich an mein Leben in der Psychiatrie und die Tatsache dort wieder weg zu müssen machte mir Angst. Hier war ich geschützt. Hier hatte ich Menschen, die mich verstanden. Hier wusste man was mir fehlte und keiner betrachte mich mit dem gewissen Blick. Dem Blick, dass Depression doch harmlos sei. Wie so ziemlich alles was man einem Menschen nicht direkt ansieht.

Nein, ist sie nicht. Depression ist nicht harmlos. Depression ist eine ernst zu nehmende Krankheit und nicht zu unterschätzen. Sicher, man sieht sie den Erkrankten nicht immer an, aber sie ist da. Oftmals schleichend und hinterrücks. Irgendwann ist er dann da, der große Hammer, der dich erkennen lässt, dass etwas falsch läuft. Der Moment, in dem du dich der Welt offenbarst und diesen Blick bekommst.

Ich hatte ein zu Hause gefunden und musste doch lernen mich nicht zu sehr in dieses zu flüchten. Ich musste lernen meine Probleme zu erkennen. Ich musste lernen was mich beschäftigte und wieso die Dinge so liefen wie sie liefen. Ich musste mich dem stellen, egal wie wenig ich es wollte und wie sehr es mir wehtat. Ich bekam eine leise Ahnung davon wie früh sich Depressionen und selbstverletzendes Verhalten in mein Leben schlichen ohne zu merken, dass es genau das war.

Im Rahmen dieses Prozesses stand nicht nur die Diagnose Depression, sondern auch eine instabile Persönlichkeitsstörung. Letztere verstehe ich persönlich bis heute nicht. Weil ich mich nicht so fühlte? Weil ich mit Typus Borderline nichts anfangen konnte? Weil ich es nicht wahrhaben wollte? Vermutlich eine Mischung aus allem.

Irgendwann jedoch kam der Tag der Entlassung und ich wurde in den Alltag geworfen, jedoch nicht in seine klassische Variante. Fast schon nahtlos ging es zur Intensivtherapie in die Tagesklinik. Ganze 3 Monate jeden Tag verschiedene Therapien, Ausflüge, Aufgaben im Team und tief gehende Beschäftigung mit der eigenen Person. Therapie in der Gruppe oder Einzeln, diverse Spielchen und so vieles mehr. Immer mit einer hinterfragenden Stimme, Analyse und Reflexion. Als wäre all das nicht genug, zog meine WG in der Zeit um. Ich wurde mitten in meiner Findungsphase und halber Entwurzelung, endgültig entwurzelt.

Neue Wohnung, neue Umgebung – aber zumindest ein eigenes Zimmer. Eine kleine private Ecke nur für mich. Es war nicht einfach, aber aus heutiger Sicht die beste Entscheidung. Alte Wohnung – altes Leben. Ein Leben, das ich nicht mehr wollte. Leute, die ich nach Möglichkeit nicht mehr sehen wollte.

Die Tagesklinik ermöglichte es mir zu erkennen, wie sehr sich die Vergangenheit in meinen Kopf gefressen hatte und wie sehr sie mich hemmte. Wie sehr sie mich daran hinderte zu verarbeiten. Ich lernte Entspannungstherapien kennen. Erfuhr,  wie ich das Erlebte reflektieren kann, um daraus zu lernen. Ich lernte erste Anzeichen eines Schubes zu erkennen. Ich lernte, was ich dagegen tun kann und was ich tun kann, wenn ich nicht frühzeitig die Bremse zog. Ich lernte, was es heißt Menschen hinter sich zu lassen, ohne sie für immer aus dem Leben zu streichen. Ich lernte,  was für Lehren ich aus der Lebensgeschichte von Mitpatienten für mich ziehen kann.

Doch auch meine Zeit dort ging vorbei und wieder einmal mehr wurde ich in den scheinbar normalen Alltag geworfen. Scheinbar normal? Ja, scheinbar, denn ein Problem hatte sich nicht erledigt: die Ausbildung. Ich war offiziell noch immer in dem Betrieb angestellt. Gedanklich sorgte die Mobberin noch immer für Heulkrämpfe. Noch immer stand ich vor einem Monster. Daran sollte sich erst mal nichts ändern, da sich die Fronten verhärten.

Derweil ging es für mich auf die Suche nach einem passenden Psychiater und einem entsprechenden Psychologen. Jeder, der schon einmal einen Facharzt brauchte, weiß was das bedeutet. Ich gebe offen zu, dass ich nicht bei meinem ersten Psychiater blieb. Gerade bei solchen Ärzten ist es wichtig auf sich selbst zu hören. Ihr spürt, dass ihr mit dem Arzt nicht klarkommt? Ihr fühlt euch nicht wohl? Dann wechselt! Je nachdem an welchem Punkt eures Weges ihr gerade seid, im schlimmsten Fall landet ihr wieder am Anfang.

Abgesehen davon kann nur der Psychiater Medikamente ausstellen. Für den seelischen Part ist der Psychologe zuständig und der gräbt noch mal so richtig schön tief. Er hinterfragt genau die noch offenen Probleme und fordert zum Nachdenken auf. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass deine Meinung sich nicht immer mit dem des Psychologen deckt. Das ist aber kein Grund zu verzweifeln, im Gegenteil. Stelle dich der Ablehnung. Hinterfrage warum es so ist und was du daraus lernen kannst. Erkläre dem Arzt wieso du es anders siehst und was es für dich bedeutet. Ein Psychologe kann dich zwar durchaus durchschauen, aber er ist nicht du.

Allerdings musste ich mich während der Psychotherapie erneut meinen Lebensumständen stellen. Da hatte ich nun ein eigenes Zimmer und doch fühlte es sich nicht richtig an. Die interne Situation kollidierte immer mehr mit der Therapie. Wie sollte ich mich auf sie konzentrieren können, wenn man zwischen zwei Stühlen hängt? Wenn die eigenen Mitbewohner ein Paar sind und du nicht mehr kannst? Es half nur eins: wieder umziehen. Gefühlt kaum, dass die Koffer ausgepackt waren, erneut packen.

Es ging für mich in meine eigene Wohnung, eine Wohnung, die nur mir gehören sollte. Nicht die erste eigene Wohnung, aber dennoch mein erster Ruheort nach all der Zeit. Die Therapie konnte wieder ihre volle Wirkung entfalten. Ich konnte mich um die Beendigung meiner Ausbildung mit allen Konsequenzen kümmern. Ich konnte mich fragen wie es weiter gehen sollte. Wie sollte mein Leben jetzt aussehen?

Für immer Medikamte? Für immer auf Therapie? Für immer gehemmt und trotz des langen Weges nicht ich?

Inzwischen haben wir das Jahr 2018 und 10 Jahre Therapie hinter uns. Was hat sich seit dem getan?

– Die Psychotherapie wurde erfolgreich abgeschlossen und musste nicht verlängert werden.
– Ich wurde im Laufe des Weges auf ein anderes Medikament umgestellt und konnte auch das mit Hilfe des Arztes komplett aus meinem Leben streichen.
– Die Ausbildung wurde gekündigt und das Erlebte verarbeitet.
– Ich habe zwei für mich prägende, zerbrochene Beziehungen verarbeitet.
– Meine Zeit beim Psychiater ist abgeschlossen.
– Ich habe gelernt, dass Depressionen zu mir gehören und weiß  wann sich ein Schub ankündigt / wie ich dem entgehen kann.
– Ich habe ein gesundes Verhältnis zu meiner Seele und meiner Vergangenheit entwickelt.
– Ich weiß welche Themen nicht meins sind und grundlegend auf taube Ohren stoßen.
– Ich habe gelernt Abstand zu halten und im Zweifelsfall die Keule zu schwingen.
– Ich habe mich mit meinen Eltern ausgesprochen. Beide akzeptieren meine Vorliebe für Frauen.
– Ich habe einen neuen Job gefunden und bin damit mehr als glücklich.
– Ich muss mich nicht mehr mit dem Jobcenter beschäftigen.
– Ich bin dabei mir meine eigene Firma aufzubauen und lerne dafür ständig etwas Neues.
– Ich bin viel auf verschiedenen Events unterwegs und verkaufe mein Produkte direkt.
– Ich gebe verschiedene Nähkurse.
– Ich habe tolle Kunden,  die mir ständig neue Ideen liefern.

Ich könnte die Liste endlos fortführen. Ebenso könnte ich meinen Weg bisher noch ausführlicher beschreiben, aber dann wäre es wirklich ein Roman. Nicht, dass Romane etwas Schlechtes wären, aber einfach nein. Vieles bleibt daher ungenannt bzw. gibt nur einen groben Zeitverlauf wieder, aber das ist ok so. Ich sehe keinen Anlass dafür wirklich alles zu erwähnen. Manches bleibt geheim oder aber kann im persönlichen Gespräch erfragt werden.

Wieso ich den Bericht überhaupt verfasst habe, wenn er doch nicht alles sagt?

Um euch zu zeigen, dass es jeder schaffen kann, egal wie weit der Weg ist. Es gibt keinen Grund sich für eine Depression und alles was dazugehört zu schämen. Es ist völlig in Ordnung in die Psychiatrie zu gehen und danach weitere Therapien zu nutzen. Es ist keine Schande Medikamente nehmen zu müssen. Es ist ok, wenn du dir für dich Zeit nimmst und deiner Krankheit den Raum einräumst, den sie in diesem Moment braucht.

Wichtig dabei: Sich daran zu erinnern, wo man zu Beginn des Weges stand, wo man jetzt steht und wo man nie wieder hin möchte. Halte dir immer wieder vor Augen welches ICH zwar ein Teil von dir ist, aber nicht dein Lebensinhalt.

Ich für meinen Teil möchte nicht mehr ins Jahr 2010 zurück.
Ich möchte nicht mehr an der Kante stehen, kurz davor zu springen.
Ich möchte nicht mehr fressen und mich verstecken.

Es war und ist für mich eine Warnung.

Hört auf so eine Warnung und nutzt sie als Neuanfang.

Stellt euch dem Teufel und werdet wieder ihr selbst.

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Credits Bild:
http://www.meine-halbinsel.de/meine_halbinsel/community/buschra/ostsee_impressionen/die_regenwolke

4 Kommentare


  1. Ich kann mich nur anschließen, mega schön geschrieben. Es ist toll, wenn sich jemand zu einem Thema öffnet, was viele tot schweigen. Ganz viel Glück und Erfolg auf deinem weiteren Weg. Du kannst stolz auf dich sein!

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    1. Danke auch dir für deine lieben Worte. Ja, ich bin sehr Stolz auf mich und das was ich erreicht habe. Ich wünsche diesen Stolz aber allen anderen Betroffenen. Jeder braucht in solchen Tagen Hilfe.

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  2. Ein mutiger und schöner Beitrag.
    Für Deine Zukunft wünsche ich Dir viel Kraft, Lebensmut und weiterhin Freude.
    Du wirst Deinen Weg gehen und es gibt keinen der dich hindern wird.

    Deine Steffi

    PS: Sehr schön geschrieben.

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    1. Vielen Dank für deinen Kommentar Steffi und den Zuspruch.
      Gerade bei diesem Beitrag bedeutet mir das besonders viel.
      Selbst wenn der Weg einmal schwierig werden sollte, ich bin mir sicher das ich mich durchsetzen kann.
      Der Weg hat es mir gezeigt und ich weiß es zu nutzen.

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